Seltene Perlen unter dem mysteriösen Teppich

24. April 2015 - 09.00 - Basel
lager sitzung

Ein Teppich, den man nicht betreten darf – damit fing alles an. Viel mehr wusste ich über die rätselhaften Odd Fellows nicht. Nur noch das Eine: Dass ich als externe Person nur ausnahmeweise beim halbjährlichen Treffen des Frauenlagers dabei sein durfte.

Aber fangen wir vorne an: In den Logen treffen sich die Mitglieder der Odd Fellows, und die vier Schweizer Frauenlogen sind im übergeordneten Rebekka-Lager vereint. Hier wird die Ordenslehre vertieft: «Das Lager ist das Herz der Logen», erklärte Angela Baumann. «Es geht nicht ums Geschäft, sondern darum, Freundschaften zu pflegen!» Im Lager haben die Matriarchinnen, so heissen die weiblichen Mitglieder, die Möglichkeit, sich mit Schwestern (oder eben: Freundinnen) aus anderen Logen auszutauschen.

Das Wort Freundinnen steht hier nicht ohne Grund. Als ich an diesem Samstagmorgen vor dem Basler Logenheim der Odd Fellows stand, war ich doch ziemlich eingeschüchtert. Ich merkte aber sehr schnell, dass die Odd Fellows durch ein unübersehbares Gemeinschafts- und Freundschaftsgefühl vereint sind. Am Eingang begrüssten mich Marianne Schertenleib und Anne-Ruth Born herzlich. Sowohl die abtretende als auch die neu zu wählende Hauptmatriarchin des Schweizerischen Frauenlagers freuten sich sichtlich auf diesen speziellen Tag. «Heute übergebe ich den Lagervorsitz nach sechseinhalb Jahren an Anne-Ruth Born», sagte Marianne Schertenleib.

Anne-Ruth Born aus der Basler Frauenloge war sichtlich berührt: «Es ist eine grosse Auszeichnung, diese verantwortungsvolle Stelle antreten zu dürfen!» Es gab aber noch weitere Gründe, weshalb dieser 25. April so einmalig war. «Wir erneuern das ganze Beamtinnenkollegium, nehmen zudem sechs neue Schwestern in den Lagergrad auf und haben die Ehre, den Gross-Sire der Ordensleitung, Hugo Kurz, unter uns zu haben», erklärte die angehende Hauptmatriarchin.

Hugo Kurz freute sich, die Feier mitzuerleben: «Dieser Austausch ist bezeichnend für die Gemeinschaft der Odd Fellows.» Auch betonte er die Notwendigkeit, den Orden von seinem obskuren Touch, welchen er oft nach aussen vermittelt, zu befreien. Dem stimmte auch Anne-Ruth Born zu: «Hier geht es nicht um Mystik. Wir haben zwar Traditionen, Symbole und Rituale, auf die wir stolz sind. Diese geben unseren Treffen einen offiziellen und besonderen Rahmen. Sie haben aber überhaupt nichts mit Okkultismus zu tun!»

Die Zeremonie durfte ich auch miterleben. Und ich verstehe jetzt, was Anne-Ruth Born meinte, wenn sie sagte, dass die Rituale der Veranstaltung einen besonderen Rahmen verleihen. Welches die Symbolik hinter den weissen Handschuhen darstellt, wusste meine Sitznachbarin nicht mehr, meinte aber, dass sie auf jeden Fall einen wichtigen Zweck erfüllen: Jeder Mensch in dieser Halle ist wie der andere. Alle sind schwarz angezogen, alle tragen weisse Handschuhe und Regalien, die lagereigenen Schultertücher (in diesem Fall blau mit silbrigem Streifen). Hier geht es um Gleichheit, hier denkt man über Werte nach, man hinterfragt das eigene ethische Denken und Handeln. Deshalb gibt es Rituale und deshalb fühlt man sich hier «geschützt und von Freundinnen umgegeben» - dies die Aussage von Elsbeth Bossart aus der Basler Loge.

Umgesetzt wird all das auch durch den Freundschaftskreis, der das Lagertreffen abschliesst: Alle Schwestern halten sich an den Händen und zeigen so ihre Verbundenheit. Letzteres kam auch in der emotionalen Abschiedsrede von Marianne Schertenleib zum Ausdruck. Sie verglich ihre Schwestern mit Perlen: «Ihr seid selten und kostbar, keine von euch ist wie die andere, aber ihr alle habt den inneren und äusseren Glanz gemein. Durch euch bin ich reicher geworden!»

Im Zug zurück musste ich an Perlen und Freundschaften denken. Dies blieb mir von diesem Tag. Ich durfte mit mehreren Frauen sprechen – und jede hat mich mit offenem Herzen und einer unaufdringlichen Wissbegier empfangen. Jede hat mir eine persönliche Geschichte erzählt. Monika Strahm, Obermeisterin der Berner Loge, war durch ein Inserat zu den Odd Fellows gekommen und schätzte das Gemeinschaftsgefühl auf Anhieb. Elsbeth Bossart hat mir anvertraut, dass ihr Alltag draussen bleibe, sobald sie in der Halle sei. Ich musste schmunzeln, als ich an meine anfänglichen Bedenken wegen des Teppichs zurückdachte. Was mir geblieben ist, möchte ich mit den Worten Marianne Schertenleibs zusammenfassen: Bei den Odd Fellows entstehen Freundschaften fürs Leben. Übrigens: Diesen Teppich, den man nicht betreten darf, gibt es tatsächlich. Er gehört unter anderem zu jenen Traditionen, die die Odd Fellows zu einer so einzigartigen und bewundernswerten Gemeinschaft machen.

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